Informationstagung: Narzisstischer Missbrauch & häusliche Gewalt
Betroffene berichten, Fachleute erklären: Aufklärung und Prävention im Zentrum
Mehr als 200 Teilnehmende aus den Bereichen Justiz, KESB, Beratung, Therapie, Schule und betroffene Einzelpersonen nutzten die Gelegenheit, um sich fachlich weiterzubilden, auszutauschen und ein starkes Zeichen für Aufklärung zu setzen.
Was ist narzisstischer Missbrauch?
Narzissmus ist eine Persönlichkeitsstörung, die sich in narzisstischem Missbrauch akzentuiert, was als eine Form psychischer Gewalt zu qualifizieren ist, die in vielen Fällen kaum sichtbar ist. Betroffene erleben ihn oft erst im Rückblick als das, was er wirklich ist: ein tiefgreifender Eingriff in das eigene Selbstwertgefühl, die emotionale Stabilität und das Vertrauen in soziale Beziehungen.
Anders als bei körperlicher Gewalt geschieht narzisstischer Missbrauch über subtile Mechanismen. Die Täter – männlich wie weiblich – setzen gezielt Mittel wie Schuldumkehr, Lügen, emotionale Erpressung, Gaslighting (die Realitätswahrnehmung des Opfers wird systematisch infrage gestellt), Dauerentwertung oder kalkulierten Liebesentzug ein.
Dabei wiederholen sich diese Verhaltensmuster meist in Zyklen: Anfangs wirken die Täter charmant, liebevoll und hilfsbereit. Mit der Zeit schleichen sich Kontrolle, Kritik und Demütigung ein. Das Opfer beginnt an sich selbst zu zweifeln, isoliert sich und verliert Schritt für Schritt das Vertrauen in das eigene Erleben. Gerade weil keine sichtbaren Verletzungen vorliegen, werden diese Muster häufig nicht als Gewalt erkannt – weder vom Umfeld noch von den Betroffenen selbst. Viele Betroffene erkennen daher erst spät das destruktive Muster hinter ihrem Leiden
Die Auswirkungen sind gravierend: anhaltende Angstzustände, depressive Symptome, psychosomatische Beschwerden und in vielen Fällen eine traumatische Bindung an die missbrauchende Person.
Daher und sehr passend stand die Tagung unter dem Leitsatz: "Man sieht nur, was man weiss." (Aufklärung!)
Einblicke ins Programm: Betroffene und Wissenschaft im Dialog
Die Tagung beeindruckte durch ihre Balance zwischen Fachvorträgen, Erfahrungsberichten und politischer Reflexion.
-
Prof. Dr. Marc Walter, Chefarzt der Psychiatrischen Dienste Aargau, beleuchtete die psychologische Dynamik narzisstischer Strukturen und deren Auswirkungen auf Betroffene.
-
Prof. Dr. Dr. Josef-Christian Aigner, Männlichkeitsforscher an der Uni Innsbruck, analysierte die Rolle der sogenannten "Mannosphäre" und plädierte für mehr Prävention speziell bei Jungen.
-
Damian Fischer, Betroffener und Osteopath, schilderte eindrücklich seine eigene Geschichte – und wie schwer es ist, als Mann über erlebte Gewalt zu sprechen.
-
Weitere Vorträge thematisierten u.a. Gaslighting, strukturelle Gewalt in Institutionen und Retraumatisierung durch mangelndes Verständnis.
Besonders relevant für Männer in Trennungs- und Scheidungskonflikten
Auch für Männer in Trennung und Scheidung ist das Thema von hoher Relevanz (und leider an der einen oder anderen Stelle nicht unbekannt…). Denn nicht nur Frauen sind Opfer narzisstischen Missbrauchs – auch Männer geraten in solche Beziehungsmuster, leiden unter systemischer Gewalt in familienrechtlichen Verfahren und stossen häufig auf Unverständnis. Auch macht sich bei männlichen Betroffenen oft eine grosse Scham breit, über solche Themen zu sprechen. Es wird eher «in sich hineingefressen» oder man macht sprichwörtlich die «Faust im Sack», bis der «Point of no Return» erreicht wird. Hierzu gab es eindrückliche Erzählungen von männlichen Opfern. Ihre Ausführungen und ihre kraftvollen Schilderungen zur Inanspruchnahme von professioneller Hilfe geben wiederum Hoffnung und Zuversicht. Die Tagung bot daher insgesamt auch Raum für den Erfahrungsaustausch unter männlichen Betroffenen.
Impulse aus Österreich und Spanien: Internationale Vernetzung
Besondere Beachtung fanden auch Referentinnen aus Österreich, die in ihrer Heimat bereits beachtliche Fortschritte im Bereich der Gewaltprävention erzielen konnten. Zudem wurde das Modell Spanien als innovativer Ansatz zur Bekämpfung häuslicher Gewalt diskutiert – mit einem Fokus auf ganzheitliche, nicht nur elektronische Schutzmassnahmen. Doris Bussmann, Mitorganisatorin der Tagung, ist unter anderem bei der Kantonspolizei Zug für das Thema häusliche Gewalt zuständig und brachte damit eine besonders praxisnahe Perspektive in den Anlass ein. Auch der Aspekt der behördlichen Zusammenarbeit wurde thematisiert.
Fazit
Die Tagung setzte ein starkes Zeichen für Aufklärung, gegenseitiges Verständnis und einen respektvollen Umgang mit Betroffenen. Sie zeigte eindrücklich, wie wichtig es ist, narzisstischen Missbrauch nicht zu tabuisieren – sondern offen und fachlich differenziert darüber zu sprechen. Auch für die IGM war der Anlass eine Gelegenheit zur Vernetzung und zum vertieften Dialog mit anderen Akteurinnen und Akteuren im Bereich Gewaltprävention.
Das Leid, das durch die vorgenannten Thematiken verursacht wird, ist uns bewusst und bekannt, und daher bleiben wir für Euch mit viel Engagement an den Themen dran – sei es durch Aufklärung, Hilfestellung oder durch einen systematischen Netzwerkausbau der IGM und ihren Interessen.
Weiterführende Informationen auch unter:
www.narzissmus-mobbing-selbsthilfe.ch
